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Zwischen Sonne und Eis
Im August in Stockholm
Obwohl Stockholm zu den nördlichsten aller europäischen Hauptstädte gehört, ist die Atmosphäre hier im August alles andere als eisig: Sommerliche Temperaturen und mediterranes Flair laden ein zu einem Rundgang von Insel zu Insel - schließlich wird die Stadt nicht umsonst das "Venedig des Nordens" genannt. Und wer schon immer mal den schwedischen Winter erleben wollte, wird auch im August nicht enttäuscht…
Meine Freunde sind entsetzt: Warum will ich ausgerechnet nach Schweden fahren? Da ist es doch kalt! Und wimmelt es da nicht von Moskitos? Die Preise sind auch noch überteuert! Diese Vorurteile können mich natürlich nicht von meiner Reiseplanung abbringen und so höre ich schon gar nicht mehr auf den ironischen Ratschlag, mich von keinem Elch beißen zu lassen, und steige guten Mutes in den Zug nach Stockholm.
Und hier bin ich, gespannt wie ein Flitzebogen, was mich in Schwedens Hauptstadt alles erwartet. Mein erster Spaziergang führt mich in die Altstadt auf der Insel Gamla Stan, deren verwinkelte mittelalterliche Gässchen mich in meiner Reiseentscheidung sofort bestätigen. Die sonnengelben Häuser strahlen mit dem tiefblauen nordischen Himmel um die Wette, meine Schuhabsätze klacken auf dem Kopfsteinpflaster. Es riecht gut hier. Nach Kaffee und frischem Brot, Olivenöl und Basilikum. Zur Mittagszeit sind die vielen, zumeist italienischen Restaurants gedrängt voll. Man könnte wirklich meinen, man spaziert durch ein Städtchen am Mittelmeer. Ein Eindruck, der noch verstärkt wird durch die vielen südeuropäischen Stimmen, die hier im Sommer überall zu hören sind.
| STOCKHOLM |
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Blick Richtung Altstadt | Wo stecken die Stockholmer?
Obwohl die Preise kaum höher sind als bei uns, reicht mein Budget nur für ein Sandwich. Dafür mache ich beim Essen Bekanntschaft mit Jakob, der mir in dunkelblauem T-Shirt und lässigen Jeans gegenüber sitzt. Die braunen Haare fallen ihm der Mode entsprechend in die Stirn, sein Englisch ist landestypisch perfekt. 21 Jahre ist er alt und ein "echter Stockholmer", wie er betont. "Es ist nämlich gar nicht so leicht, im August einen Stockholmer in Stockholm zu finden", erklärt er mir. "Normalerweise flüchten wir vor den Touristen-Strömen und ziehen uns in unsere Stuga zurück." Eine "Stuga", ein Ferienhaus im Grünen, hat in Schweden wirklich fast jeder. "Das hängt sicher damit zusammen, dass wir ein sehr naturverbundenes Volk sind. Die reinsten Freiluftmenschen", meint Jakob, während wir uns auf den Weg zum Stortorget, dem "großen Platz", machen.
Schwedische Kaffeepause
In Jakobs Lieblingscafé probiere ich zum ersten Mal eine Kanelbulle, eine mit Hagelzucker bestreute Zimtschnecke, die genau so gut schmeckt, wie sie klingt. Jakob hat sich für Kladdkaka entschieden, was übersetzt soviel wie "klebriger Kuchen" bedeutet, ein Mittelding aus Schokoladenkuchen und warmer Mousse au Chocolate, das mit Schlagsahne einfach jeden in Ekstase versetzt. "Dem Kaffee Trinken kommt in Schweden übrigens eine ganz besondere Bedeutung zu", erzählt Jakob, während er den letzten Bissen Kuchen auf seine Gabel schiebt. "Dabei werden nicht nur die sozialen Kontakte aufgefrischt, sondern auch kreative Pausen eingelegt, in denen die besten Ideen geboren werden." Davon kann ich mich überzeugen, als Jakob vorschlägt, mir heute die Stadt zu zeigen.
Zuerst lotst er mich auf den Wochenmarkt am Hötorget, vorbei an zahlreichen Händlern, die hinter Bergen von Äpfeln, Pfifferlingen und Bananen ihre Ware ausschreien, als ginge es um ihr Leben. "Kauft Pfirsiche, Leute! Nirgends so billig wie hier! Frische Pfifferlinge! Billig! Billig! Billig! Probiert die Melone! Ganz frisch! Gerade aus dem Süden!" Ich fühle mich fast wie auf einem orientalischen Markt und frage mich, ob die Stadt wohl auch irgendwo ein typisch schwedisches Gesicht verbirgt. "Ich weiß nicht, was du unter "typisch schwedisch" verstehst" meint Jakob dazu, "aber ich habe eine Idee, wo wir als nächstes hingehen könnten."
Kein Knäckebrot im Vasa-Museum
Jakobs Ziel liegt auf der Insel Djurgarden und ist Schwedens berühmtestes Museum: Das Vasa-Museum, wo wir andächtig vor dem riesigen, detailgetreu restaurierten Schiffskörper stehen, der im August 1628 wenige Minuten nach Beginn seiner Jungfernfahrt vor dem Hafen Stockholms in der Tiefe des Meeres verschwand und von dort erst 333 Jahre später wieder geborgen wurde. Nie konnte man mit Sicherheit bestimmen, wer letztendlich die Schuld an dem Drama hatte, fest steht nur, dass die Vasa auf Grund eines Konstruktionsfehlers sank, der einen zu geringen Stauraum für den Ballast des Schiffes vorsah. Das Vasa-Museum ist nur ein Museum von vielen, die auf der Djurgarden Insel zu erkunden sind. Im Nordischen Museum werden die schwedischen Traditionen lebendig, und ich lerne viel Neues über das Lucia Fest, das jedes Jahr am 13. Dezember gefeiert wird. An diesem Tag schreiten vielerorts weiß gekleidete Mädchen mit Kerzenkranz auf dem Kopf durch die Gegend, denen ein Zug von "Sternenjungen" folgt, die ebenfalls weiß gekleidet sind und obendrein spitze Hüte auf dem Kopf tragen.
Stockholm macht’s möglich
Als wir aus dem Museum treten, geht die Sonne schon langsam unter. "Und, hast du jetzt genug Schwedisches gesehen?", fragt mich Jakob. Und das habe ich. Außer vielleicht… "Einen richtigen schwedischen Winter würde ich noch mal gerne erleben", fällt mir ein. "Aber dafür muss ich wohl im Dezember wieder kommen." Auf Jakobs Gesicht breitet sich ein verschmitztes Grinsen aus. "Das kannst Du eher haben", meint er. "In Stockholm ist alles möglich." Und wenig später habe ich meinen schwedischen Winter. Bei sechs Grad Celsius stehe ich in der "Icebar", deren Attraktion der aus Eis geformte Tresen darstellt. Ich bin begeistert und gebe meinen Freunden doch in einem Recht: Kalt kann es tatsächlich sein in Stockholm. Aber wofür gibt es schließlich heiße Schokolade?
Gianna Hermann, Freiburg
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